Das Glossar Aufbau und Verwendung

Manage­ment-Zusam­men­fas­sung zu die­sem Bei­trag:
Im → Requi­re­ments Engi­nee­ring (RE) ist das Glos­sar die zen­tra­le Instanz, um Begrif­fe zu erfas­sen, zu beschrei­ben und zu ver­ein­heit­li­chen. Ohne ein Glos­sar kann ein Requi­re­ments-Engi­nee­ring-→ Vor­ha­ben kaum erfolg­reich sein. In die­sem Bei­trag wird das Glos­sar beschrieben.

1. Einleitung und Grundlagen

Im Requi­re­ments Engi­nee­ring soll­te unter­schie­den wer­den zwi­schen den Glos­sa­ren der betrach­te­ten Fach­do­mä­ne (“Fachglos­sa­re”) und den Glos­sa­ren zum Requi­re­ments Engi­nee­ring (“RE-Glos­sa­re”) selbst (Abbil­dung 1.1).

Glossare im Requirements Engineering, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 1.1: Glos­sa­re im Requi­re­ments Engineering

Dabei gilt es zu beachten:

  • Die Fachglos­sa­re müs­sen im RE-Vor­ha­ben selbst erfasst wer­den: Hier­für muss ent­spre­chend Zeit ein­ge­plant werden
  • Die RE-Glos­sa­re soll­ten “von außen” dazu­ge­nom­men wer­den, da die­se in der Regel nicht vor­ha­ben- oder pro­jekt­spe­zi­fisch sind
  • Wenn der Begriff “Glos­sar” im RE-Kon­text ver­wen­det wird, so ist in der Regel das Fachglos­sar gemeint

Im Requi­re­ments-Engi­nee­ring-Kon­text wer­den über ein Fachglos­sar die rele­van­ten Begrif­fe für ein RE-Vor­ha­ben erfasst, wobei die Bestim­mung, was rele­vant ist und was nicht schwie­rig sein kann. Die Struk­tur und der Umfang eines Fachglos­sars erge­ben sich aus dem RE-Vor­ha­ben: Je grö­ßer das Vor­ha­ben ist, umso umfang­rei­cher wird das Fachglossar. 

1.1 Definitionen

In der Wiki­pe­dia steht zum Glos­sar /#Wiki-Glossar/:
“Ein Glos­sar (latei­nisch Glos­sa­ri­um, grie­chisch γλωσσάριον glōssa­ri­on; zu γλῶσσα glōs­sa [attisch γλῶττα glōt­ta], “Zun­ge” oder “Spra­che”) ist eine → Lis­te von Wör­tern mit bei­gefüg­ten Erklä­run­gen oder Über­set­zun­gen. Ist es eigen­stän­dig, spricht man auch von Wör­ter­buch, als Anhang eines Wer­kes von Wör­ter­ver­zeich­nis.
Das latei­ni­sche Wort glos­sa­ri­um bezeich­net dabei als Objekt ein “Buch”, das alte bzw. ver­al­te­te oder frem­de Wör­ter erläu­tert. Im erwei­ter­ten Sinn wird ein Glos­sar auch Begriffs­er­klä­rung genannt. Zudem – ins­be­son­de­re wenn es um die Erklä­rung oder Beschrei­bung ein­zel­ner Begrif­fe geht – wer­den die­se auch als [Begriffs-]Abgrenzung oder Defi­ni­ti­on bezeichnet.”

Beim → IREB wird im Glos­sar zum RE defi­niert /#IREB-Glossar-20/:
“Glos­sar (Glos­sa­ry): A collec­tion of defi­ni­ti­ons of terms that are rele­vant in some ↑domain.
Note: Fre­quent­ly, a glos­sa­ry also con­tains cross-refe­ren­ces, ↑syn­onyms, ↑homo­nyms, acro­nyms, and abbreviations.”

Im BABOK steht zum Glos­sar knapp /BBG17‑d/:
“Glos­sar: Es ent­hält die Erklä­rung der rele­van­ten Begrif­fe, die bei der Anfor­de­rungs­ana­ly­se auftauchen.”

Das → PMI defi­niert /PMG-BA17/:
“Glos­sa­ry. In busi­ness ana­ly­sis, a glos­sa­ry is used to list terms, defi­ni­ti­ons, and acro­nyms. Glos­sa­ries typi­cal­ly inclu­de the list of terms the orga­niz­a­ti­on most com­mon­ly defi­nes dif­fer­ent­ly from its indus­try or across its own orga­niz­a­ti­on as well as terms that are unfamiliar.”

1.2 Bezeichnungen für Glossare

Statt des Begriffs “Glos­sar” fin­den sich im RE-Umfeld auch ande­re Begrif­fe, die das Glei­che oder Ähn­li­ches mei­nen. Dies sind unter anderem:

  • Begriffs­le­xi­kon
  • Busi­ness Objects (Samm­lung von)
  • Data Dic­tion­a­ry
  • Daten­de­fi­ni­tio­nen (Samm­lung von) 
  • Daten­le­xi­kon
  • Domä­neng­los­sar
  • Fachglos­sar
  • Ker­nen­ti­tä­ten (Samm­lung von) 
  • Wör­ter­buch

1.3 Untergliederung des Glossars

Es ist auch mög­lich das Fachglos­sar zu unter­tei­len / kas­ka­die­ren. In Abbil­dung 1.2 ist eine mög­li­che Unter­tei­lung bei­spiel­haft dar­ge­stellt. Möch­te man bei­spiels­wei­se ein Fachglos­sar für eine Kaf­fee­ma­schi­ne erstel­len, so könn­te ein über­grei­fen­des Glos­sar für Küchen­ge­rä­te sinn­voll sein, wel­ches neben dem Glos­sar der Kaf­fee­ma­schi­ne ein­ge­setzt wird.

Glossare im Requirements Engineering mit Untergliederung, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 1.2: Glos­sa­re im Requi­re­ments Engi­nee­ring mit Untergliederung

Wich­tig ist jedoch, dass alle wesent­li­chen Begrif­fe aus dem → Sys­tem­kon­text im Fachglos­sar ent­hal­ten sind.

Ein Fachglos­sar kann meh­re­re Kas­ka­die­rungs­ebe­nen besit­zen (Abbil­dung 1.3). Ob die ein­zel­nen Kaka­die­rungs­ebe­nen als eigen­stän­di­ge Glos­sa­re oder über Attri­bu­te aus­ge­führt wer­den, hängt vom jewei­li­gen Pro­jekt ab, eine ein­deu­ti­ge Regel gibt es dafür nicht.

Glossare im Requirements Engineering mit Kaskadierung, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 1.3: Glos­sa­re im Requi­re­ments Engi­nee­ring mit Kaskadierung

Die Stär­ken und Schwä­chen einer Kaskadierungs(form) der Glos­sa­re sind in der nach­fol­gen­den Abbil­dung dar­ge­stellt. Gene­rell soll­te vor­ab ver­sucht wer­den, eine Kas­ka­die­rung der Fach­do­mä­ne vor­zu­neh­men und die­se in das Glos­sar ein­flie­ßen zu lassen.

Glossare und Kaskadierung: Stärken und Schwächen, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 1.4: Glos­sa­re und Kas­ka­die­rung: Stär­ken und Schwächen

1.4 Regeln für den Umgang mit dem Glossar

Das IREB – Inter­na­tio­nal Requi­re­ments Engi­nee­ring Board /IREB-20/ benennt fol­gen­de (Minimal-)Regeln für den Umgang mit dem Glossar:

  1. Ver­wal­ten Sie das Glos­sar zentral 
  2. Pfle­gen Sie das Glos­sar über den gesam­ten Ver­lauf der Systementwicklung 
  3. Defi­nie­ren Sie eine Per­son oder eine klei­ne Grup­pe, die für das Glos­sar ver­ant­wort­lich ist
  4. Ver­wen­den Sie einen ein­heit­li­chen Stil und eine ein­heit­li­che Struk­tur für das Glossar 
  5. Bezie­hen Sie die → Sta­ke­hol­der ein und stre­ben Sie eine Eini­gung über die Ter­mi­no­lo­gie an 
  6. Machen Sie das Glos­sar für alle Betei­lig­ten zugänglich 
  7. Machen Sie die Ver­wen­dung des Glos­sars zur Pflicht 
  8. Über­prü­fen Sie Arbeits­pro­duk­te auf die kor­rek­te Ver­wen­dung des Glossars

2. Struktur und Attribute eines Glossars

Ein Glos­sar wird typi­scher­wei­se über eine Tabel­le erstellt. Pro Zei­le wird ein Begriff beschrie­ben. In den ein­zel­nen Spal­ten wer­den die Attri­bu­te erfasst.

Attri­bu­te kön­nen sein (die drei fett­ge­druck­ten Attri­bu­te sind ver­pflich­tend):

  • Nr. / Num­mer (fort­lau­fend): Num­mer zur Iden­ti­fi­ka­ti­on des Begriffs. Die­se fort­lau­fen­de Num­mer kann “frei ver­ge­ben” werden
  • ID: Vom Glos­sar-Sys­tem gene­rier­ter, ein­deu­ti­ger Iden­ti­fi­ka­ti­ons­schlüs­sel, der nach Erstel­lung / Ver­ga­be auch nicht mehr geän­dert wer­den kann
  • Begriff: Der Begriff, so wie er ver­wen­det wer­den soll
  • Beschrei­bung: Die Beschrei­bung / die Defi­ni­ti­on / die Erklä­rung / die Erläu­te­rung des Begriffs in weni­gen Absätzen 
  • Eng­li­scher Begriff (Term): Der eng­li­sche Begriff, so wie er ver­wen­det wer­den soll 
  • Nicht ver­wen­den: Ähn­li­che Bezeich­nun­gen für die­sen Begriff, die nicht ver­wen­det wer­den sollen
  • Akro­ny­me: Mög­li­che Akro­ny­me; Bei­spie­le sie­he Anmerkungen
  • Abkür­zun­gen: Mög­li­che Abkürzung(en)
  • → Prio­ri­tät: Gibt an, wel­che Prio­ri­tät der Begriff inner­halb des gewähl­ten Kon­tex­tes / der Domä­ne hat. Häu­fi­ge Ska­la: A bis C. Alter­na­tiv-Bezeich­nung: “Top (Ran­king)”
  • Quel­le: Gibt an, woher der Begriff ent­nom­men wur­de. Dies kön­nen ande­re Doku­men­te oder auch Geset­zes­tex­te sein
  • Nor­men und Stan­dards: Bezug auf Norm oder Stan­dard außer­halb der eige­nen Organisation
  • Ver­wei­se: Ver­wei­se auf wei­ter­füh­ren­de Erläu­te­run­gen (Hyper­links)
  • Teil­ge­biet / Sub­do­mä­ne: Mög­li­ches Teil­ge­biet, wenn das Fach­ge­biet / die Fach­do­mä­ne unter­teilt ist
  • Syn­ony­me: Ähn­li­che Begrif­fe mit glei­cher Bedeu­tung; Bei­spie­le sie­he Anmerkungen
  • Ant­ony­me: Gegen­sätz­li­che Begriffe
  • Homo­ny­me: Glei­ches Wort mit meh­re­ren Bedeu­tun­gen; hier wer­den dann die ver­schie­de­nen Bedeu­tun­gen auf­ge­führt; Bei­spie­le sie­he Anmerkungen
  • Ver­ant­wort­lich: Ver­ant­wort­li­cher (Name und Rol­le) für die­sen Begriff: Soll eine Ände­rung an dem Begriff vor­ge­nom­men wer­den, so muss der Ver­ant­wort­li­che dem zustimmen
  • Erstellt am: Das Datum des Ein­trags, wird tech­nisch gesetzt 
  • Erstellt von: Der Name und die Rol­le des­je­ni­gen, der den Ein­trag vor­ge­nom­men hat, wird tech­nisch gesetzt
  • Sta­tus: Wie ist der Sta­tus des Glos­sar­ein­trags? Mög­li­che Alter­na­ti­ven sind: Ange­legt, In Dis­kus­si­on, Abgeschlossen
  • Sta­bi­li­tät: Wie hoch ist die Sta­bi­li­tät des Glos­sar­ein­trags? Mög­li­che Alter­na­ti­ven sind: Gering, Mit­tel, Hoch
  • Zuletzt geän­dert am: Das Datum, an dem der Ein­trag zuletzt geän­dert wur­de, wird tech­nisch gesetzt
  • Zuletzt geän­dert von: Der Name und die Rol­le des­je­ni­gen, der den Ein­trag zuletzt geän­dert hat, wird tech­nisch gesetzt
  • Ver­si­on: Ver­si­on zur Ver­sio­nie­rung und Kon­fi­gu­rie­rung, wird tech­nisch gesetzt

Anmer­kun­gen:

  • Um die Ver­ant­wort­lich­keit gibt es häu­fig Unstim­mig­kei­ten: Wer die Begrif­fe bestim­men darf, kann damit auch eini­ges ande­re bestim­men, so bei­spiels­wei­se Abläu­fe / Pro­zes­se eines Fachbereichs
  • Pflicht­at­tri­bu­te: Nur die drei Pflicht­at­tri­bu­te (ID, Begriff, Beschrei­bung) müs­sen in einem Glos­sar vor­han­den sein; sind wei­te­re im Ein­satz, so müs­sen die­se nicht unbe­dingt für jeden Begriff / jeden Ein­trag aus­ge­füllt werden
  • Bei­spie­le für Akro­ny­me: IT für Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie, RE für Requi­re­ments Engi­nee­ring, PM für → Pro­jekt­ma­nage­ment
  • Bei­spie­le für Syn­ony­me: Kaf­fee­ma­schi­ne und Kaf­fee­au­to­mat kön­nen das­sel­be mei­nen; Schim­mel und “wei­ßes Pferd” kön­nen auch iden­tisch sein
  • Bei­spie­le für Homo­ny­me: Erde — bezeich­net unse­ren Pla­ne­ten, aber auch das Mate­ri­al im Gar­ten; das Schloss — damit kann das herr­schaft­li­che Gebäu­de oder ein Sys­tem zu Ver­schlie­ßen gemeint sein; Schim­mel kann das wei­ße Pferd bezeich­nen oder aber auch (uner­wünsch­te) Pil­ze im Haus­halts­be­reich; die Bank — dies bezeich­net das Geld­in­sti­tut und eben­falls eine Sitzgelegenheit

In Abbil­dung 2.1 ist der sche­ma­ti­sche Auf­bau eines Glos­sars dar­ge­stellt. Typi­scher­wei­se ist die Sor­tie­rung alpha­be­tisch (nach Begriffen).

Aufbau eines Glossars (schematisch), (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 2.1: Auf­bau eines Glos­sars (sche­ma­tisch)

2.1 Aufwand zur Erstellung eines Glossars

Um ein Glos­sar zu erstel­len, muss Arbeits­zeit inves­tiert wer­den. Gene­rell gilt die For­mel:
Auf­wand = Anzahl Begrif­fe / Ein­trä­ge * Auf­wand zur Erfas­sung eines Begriffs / Eintrags

Haben Sie bei­spiels­wei­se 500 Begrif­fe in Ihrem Glos­sar und rech­nen Sie etwa 30 Minu­ten pro Ein­trag, so ergibt sich ein Auf­wand für die Erstel­lung von 250 Stunden.

3. Einordnung und Einsatz

Fol­gen­de Rei­hen­fol­ge soll­te bei der Erstel­lung eines Glos­sars (für ein Vor­ha­ben oder Pro­jekt) ein­ge­hal­ten werden:

  • Glos­sar-Struk­tur durch Aus­wahl der pas­sen­den Attri­bu­te erstellen
  • Men­gen-Gerüst mit Auf­wands­schät­zung über die Anzahl der Begrif­fe ermitteln
  • Tech­ni­sche Platt­form wählen
  • Die “ers­ten” Begrif­fe aus der Fach­do­mä­ne oder aus dem Kon­text (oder Sys­tem­kon­text) bestim­men und defi­nie­ren, ins­be­son­de­re die Begrif­fe, die unbe­dingt defi­niert wer­den müs­sen (über das Attri­but Priorität)
  • Das Glos­sar aus­bau­en bis “fer­tig”

Dann soll­te nach und nach das Glos­sar aus­ge­baut, gepflegt und ver­bes­sert wer­den. Ab einem bestimm­ten Zeit­punkt — typi­scher­wei­se wenn alle offen­sicht­lich not­wen­di­gen Begrif­fe erfasst wor­den sind — kann das Glos­sar ein­ge­setzt werden.

Anmer­kung:
Es wer­den die­sem Bei­trag von “den”, “den wesent­li­chen”, “allen wesent­li­chen” oder “allen” Begrif­fe geschrie­ben. Eine genaue Unter­schei­dung die­ser vier Zusät­ze fällt schwer, denn gene­rell soll­ten alle not­wen­di­gen / rele­van­ten Begrif­fe erfasst und erläu­tert werden.

3.1 Beispiele für Glossare

In Abbil­dung 3.1 sind eini­ge Begrif­fe eines Fachglos­sars zu einer Kaf­fee­ma­schi­ne wie­der­ge­ge­ben. Was bereits bei die­sem klei­nen Bei­spiel auf­fällt, ist die Redu­zie­rung der Begrif­fe: Es wird nur das Begriff “Kochen” ver­wen­det, nicht aber Brü­hen oder Erhitzen.

Beispiel für ein Glossar: Kaffeemaschine, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 3.1: Bei­spiel für ein Glos­sar: Kaffeemaschine

Sol­len Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den, so soll­ten vor­ab eini­ge zen­tra­le Begrif­fe des Pro­jekt­ma­nage­ments für den eige­nen Pro­jekt­kon­text defi­niert wer­den. Als Bei­spiel sind in Abbil­dung 3.2 drei zen­tra­le Begrif­fe des Pro­jekt­ma­nage­ments ange­ge­ben. Eine Kon­kre­ti­sie­rung — hier durch drei Punk­te ange­deu­tet — muss noch für das jewei­li­ge Pro­jekt vor­ge­nom­men werden.

Beispiel für ein Glossar: Minimalbegriffe für das Projektmanagement, (C) Peterjohann Consulting, 2019-2021

Abbil­dung 3.2: Bei­spiel für ein Glos­sar: Mini­mal­be­grif­fe für das Projektmanagement

3.2 Der Einsatz des Glossars im Requirements Engineering

Das Glos­sar soll­te immer dann zum Ein­satz kom­men, wenn es sprach­li­che Genau­ig­keit ankommt. Dies ist insbesondere …

  • beim Bestim­men des Sys­tems und des Sys­tem­kon­texts wich­tig: Alle dort genann­ten Ele­men­te müs­sen im Glos­sar erscheinen.
  • beim Ein­satz von → Use Cases sinn­voll: Alle Akteu­re soll­ten im Glos­sar benannt werden.
  • der Erstel­lung von Daten­mo­del­len wich­tig: Alles im Daten­mo­dell ver­wen­de­ten Begrif­fe soll­ten auch im Glos­sar auf­ge­führt sein.
  • bei der Ver­wen­dung von → Satz­scha­blo­nen ent­schei­dend: Alle ver­wen­de­ten Ver­ben müs­sen im Glos­sar auf­ge­führt werden.

Zudem wer­den Glos­sa­re bei den Über­prü­fun­gen / Reviews ein­ge­setzt (und ggf. dort dann auch verfeinert).

3.3 Der Einsatz des Glossars in RE-Tools

Glos­sa­re kön­nen und soll­ten bei der Ver­wen­dung von → RE-Tools (Requi­re­ments-Engi­nee­ring-Tools) zum Ein­satz kom­men. Ins­be­son­de­re ist es dann hilf­reich, wenn das RE-Tool Begrif­fe aus dem Glos­sar erkennt und die­se dann unter­streicht (Abbil­dung 3.3). Zudem soll­te beim Mou­seo­ver der Glos­sar­ein­trag zu die­sem Begriff erscheinen.

Der Einsatz eines Glossars im RE-Tools: Anzeige von Informationen beim Mouseover, (C) Peterjohann Consulting, 2019-2021

Abbil­dung 3.3: Der Ein­satz eines Glos­sars im RE-Tools: Anzei­ge von Infor­ma­tio­nen beim Mouseover

Anmer­kung:
Auch wenn ein sol­cher Ansatz sinn­voll ist, unter­stüt­zen nur weni­ge RE-Tools die­se Möglichkeit.

3.4 Geführte Einarbeitung mit Hilfe von Glossaren

Bei grö­ße­ren The­men­ge­bie­ten und damit ver­bun­de­nen umfang­rei­chen Glos­sa­ren ist es nahe­zu unmög­lich, das Glos­sar direkt zur Ein­ar­bei­tung oder zur Gewin­nung eines Über­blicks zu nut­zen. Den­noch kön­nen auf Basis eines Glos­sars (klei­ne­re) Zusam­men­fas­sun­gen eines The­mas erstellt wer­den, die unmit­tel­bar zum Ein­satz kom­men können.

3.5 Fallstricke beim Einsatz von Glossaren

In der Pra­xis sind gute gepfleg­te Glos­sa­re, die auch ver­wen­det wer­den, eher die Aus­nah­men. Fol­gen­de Pro­ble­me sind häu­fig festzustellen:

  • Die Inhal­te / Beschrei­bun­gen wer­den geän­dert, ohne dass davon Notiz genom­men wird. Somit ent­ste­hen Ent­wick­lungs­ar­te­fak­te, die nicht mit dem Glos­sar abge­stimmt sind. Abhil­fe könn­te hier durch die Ver­sio­nie­rung mit einer Base­li­ne (oder einem Glos­sar-Free­ze) geschaf­fen werden
  • Das Glos­sar ist zu groß und kann daher nicht mehr über­schaut wer­den. Wenn eini­ge tau­send Begrif­fe in einem Fachglos­sar ent­hal­ten sind, so fällt es schwer, einen Über­blick zu behal­ten. Abhil­fe­mög­lich­kei­ten sind dann die Ver­wen­dung der Prio­ri­tät und / oder die Unter­tei­lung des Glos­sars in logi­sche Tei­le (über Kas­ka­die­rung der Fachdomäne)
  • Das Glos­sar ent­hält vie­le all­ge­mein­gül­ti­ge Begrif­fe, die nicht spe­zi­fisch für die Fach­do­mä­ne sind

4. Die Glossare der Fachverbände zum Requirements Engineering

Die Fach­ver­bän­de zum Requi­re­ments Engi­nee­ring haben jeweils eige­ne Glos­sa­re für die Begrif­fe zum Requi­re­ments Engi­nee­ring selbst in eini­gen Glos­sa­ren zusam­men­ge­fasst (Abbil­dung 4.1).
Im Ein­zel­nen:

  • Das → IIBA hat die Glos­sa­re im BABOK /BABG15, BBG17‑d/ inte­griert. Es gibt ent­spre­chend ein eng­li­sches und ein deut­sches Glossar
  • Das PMI hat ein eng­li­sches Glos­sar mit 544 Begrif­fen im “The PMI Gui­de to Busi­ness Ana­ly­sis” /PMG-BA17/ ein­ge­baut. Aller­dings sind kei­ne wei­te­ren Spra­chen verfügbar 
  • Das IREB hat in der Fas­sung 2017 ein eigen­stän­di­ges Glos­sar mit 129 Begrif­fen in eng­li­scher, deut­scher (mit 140 Begrif­fen) und 9 wei­te­ren Spra­chen her­aus­ge­ge­ben /#IREB-Glossar-17/. Die Defi­ni­tio­nen sind jedoch aus­schließ­lich in eng­li­scher Spra­che vor­han­den. Glei­ches gilt für die Fas­sung 2020 /#IREB-Glossar-20/, wobei die Anzahl der Begrif­fe auf 214 (eng­lisch) bzw. 263 (deutsch) erhöht wur­de und die ein­zel­nen Sprach­fas­sun­gen als sepa­ra­te pdf-Datei­en zur Ver­fü­gung gestellt werden
  • Eine wesent­li­che Refe­renz für das RE sind die Begrif­fe der ISO 24765:2017–09. Dort sind über 4.600 Begrif­fe in eng­li­scher Spra­che gelistet
Die Glossare der Fachverbände, (C) Peterjohann Consulting, 2020-2021

Abbil­dung 4.1: Die Glos­sa­re der Fach­ver­bän­de zum Requi­re­ments Engineering

Wenn Sie in Ihrem RE-Vor­ha­ben ein Glos­sar zur Klä­rung der RE-Begrif­fe benö­ti­gen, so soll­ten Sie auf eines die­ser Glos­sa­re zurückgreifen.

5. Stärken und Schwächen von Glossaren

Auch wenn Glos­sa­re unbe­dingt im Requi­re­ments Engi­nee­ring ein­ge­setzt wer­den soll­ten, so soll­ten vor­ab deren Stär­ken und Schwä­chen und damit deren Gren­zen bekannt sein.

Stär­ken:

  • Glos­sa­re tra­gen zu einem gemein­sa­men Ver­ständ­nis bei
  • Glos­sa­re tra­gen zu einer gemein­sa­men Fach­spra­che bei
  • Als Hilfs­mit­tel wer­den nur ein­fa­che Res­sour­cen benötigt

Schwä­chen:

  • Ohne Vor­be­rei­tung bei Auf­bau eines Glos­sars kön­nen die Ergeb­nis­se man­gel­haft sein
  • Die Pfle­ge eines Glos­sars kos­tet Zeit
  • Die Vor­ge­hens­wei­se der Erstel­lung, Ver­wal­tung und des Ein­sat­zes muss allen Betei­lig­ten ver­deut­licht wer­den, ansons­ten kann es sein, dass das Glos­sar nicht akzep­tiert wird
  • Glos­sa­re ver­mit­teln nur Wis­sen zu ein­zel­nen Begrif­fen und sind für sich allei­ne — ohne wei­te­re Hilfs­mit­tel — nicht ausreichend

6. Häufige Fragen und Antworten (FAQ) zum Thema “Glossar”

Eini­ge Fra­gen zu den Glos­sa­ren wer­den häu­fig gestellt – die­se wer­den hier wiedergegeben.

  • F: Muss ich immer ein Glos­sar für mein Pro­jekt / Vor­ha­ben erstel­len?
    A: Ja und nein. Es ist sinn­voll, ein Glos­sar zu besit­zen: Dies kann aber durch­aus von ande­ren Pro­jek­ten / Vor­ha­ben mit­ver­wen­det werden.
  • F: Rei­chen rein tex­tu­el­le Beschrei­bun­gen in Glos­sa­ren aus?
    A: Mei­ner Mei­nung nach ja. Soll “mehr” dar­ge­stellt wer­den, so soll­ten Ver­wei­se zum Ein­satz kommen.
  • F: Was ist der Unter­schied von Glos­sar und Fachglos­sar?
    A: Das Glos­sar ist der all­ge­mei­ne­re Begriff, das Fachglos­sar beschreibt die Begrif­fe einer (Fach-)Domäne.
  • F: Wel­che Tools soll­ten für die Glos­sa­re ver­wen­det wer­den?
    A: Bei klei­nen Vor­ha­ben kön­nen ein­fa­che Tabel­len-Tools aus­rei­chend sein. Gene­rell emp­fiehlt es sich aber daten­bank­ge­stütz­te Tools zu ver­wen­den. Ent­spre­chend könn­ten auch Wikis ein­ge­setzt werden.
  • F: Darf das Glos­sar fir­men- oder orga­ni­sa­ti­ons­spe­zi­fi­sches Know-how ent­hal­ten?
    A: Mei­ner Mei­nung nach nicht. Denn ein Glos­sar kann auch an Lie­fe­ran­ten gege­ben wer­den, aber nur wenn dort kei­ne Inter­na ent­hal­ten sind.

Haben Sie noch wei­te­re Fra­gen oder möch­ten Sie Ergän­zun­gen an der FAQ vor­neh­men? Am bes­ten schrei­ben Sie mir hier­zu eine E‑Mail an: kontakt@peterjohann-consulting.de.

A. Präsentationen, Literatur und Weblinks

Die Prä­sen­ta­ti­on zum Glos­sar im Requi­re­ments Engi­nee­ring ist in wei­ten Tei­len deckungs­gleich mit den Inhal­ten die­ser Webseite.

Inhalt Typ
Requi­re­ments Engi­nee­ring: Das Glos­sar – Eine Über­sicht

pdf

Zudem wird in mei­ner Prä­sen­ta­ti­on zum Requi­re­ments Engi­nee­ring kurz auf Glos­sa­re eingegangen.

Inhalt Typ
Requi­re­ments Engi­nee­ring (und Busi­ness Ana­ly­sis) – Eine Ein­füh­rung (RE-Basis­prä­sen­ta­ti­on)

pdf

In fol­gen­den Büchern wer­den als Teil­aspekt Glos­sa­re erläutert:

  • /BBG15/ IIBA: A Gui­de to the Busi­ness Ana­ly­sis Body of Know­ledge (BABOK Gui­de), Inter­na­tio­nal Insti­tu­te of Busi­ness Ana­ly­sis, Mari­et­ta, Geor­gia 3rd Edi­ti­on 2015, ISBN 978–1‑927584–02‑6
  • /BBG17‑d/ IIBA: BABOK v3: Leit­fa­den zur Busi­ness-Ana­ly­se BABOK Gui­de 3.0, Dr. Götz Schmidt, Wet­ten­berg 2017, ISBN 978–3‑945997–03‑1
  • /Hruschka19/ Peter Hrusch­ka: Busi­ness Ana­ly­sis und Requi­re­ments Engi­nee­ring: Pro­zes­se und Pro­duk­te nach­hal­tig ver­bes­sern, Han­ser, Mün­chen 2. Auf­la­ge 2019, ISBN 978–3‑446–45589‑4
  • /IREB21/ sie­he /Pohl21a/
  • /PMG-BA17/ Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te: The PMI Gui­de to Busi­ness Ana­ly­sis, Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te, Phil­adel­phia, Penn­syl­va­nia 2017, ISBN 978–1‑62825–198‑2
  • /Pohl21a/ auch /IREB21/ Klaus Pohl, Chris Rupp: Basis­wis­sen Requi­re­ments Engi­nee­ring: Aus- und Wei­ter­bil­dung nach IREB-Stan­dard zum Cer­ti­fied Pro­fes­sio­nal for Requi­re­ments Engi­nee­ring Foun­da­ti­on Level, dpunkt, Hei­del­berg 5. Auf­la­ge 2021, ISBN 978–3‑86490–814‑9
  • /Rupp20/ Chris Rupp: Requi­re­ments-Engi­nee­ring und ‑Manage­ment. Das Hand­buch für Anfor­de­run­gen in jeder Situa­ti­on, Han­ser, Mün­chen 7. Auf­la­ge 2020, ISBN 978–3‑446–45587‑0

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