Interviews Einsatz, Techniken und Formen

Inter­views sind die Stan­dard­me­tho­de zur Ermitt­lung von Zie­len und Anfor­de­run­gen. Da sie grund­sätz­lich vor­aus­set­zungs­frei durch­ge­führt wer­den kön­nen, sind sie eine weit ver­brei­te­te Metho­de in ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen wie dem Pro­jekt­ma­nage­ment oder dem Requi­re­ments Engi­nee­ring.


1. Einleitung und Grundlagen

In der Wiki­pe­dia steht /#Wiki-Interview/:

“Ein Inter­view (‘ɪntɐ­v­juː) ist als Angli­zis­mus im Jour­na­lis­mus eine Form der Befra­gung mit dem Ziel, per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen, Sach­ver­hal­te oder Mei­nun­gen zu ermit­teln.”

… und auch /#Wiki-Interview-Begriffe/:

“Ein Inter­view ist eine (münd­li­che) Befra­gung mit dem Ziel, Sach­ver­hal­te zu ermit­teln, sowohl jour­na­lis­ti­sche Dar­stel­lungs­form als auch als wis­sen­schaft­li­che Metho­de.”

Im BABOK /BBG17‑d/ steht zum Begriff Inter­view:
„Erhe­bungs­tech­nik, bei der ein­zel­ne Per­so­nen oder Per­so­nen­grup­pen münd­lich zu bestimm­ten Sach­ver­hal­ten befragt wer­den. Die­se Befra­gung kann sowohl in einem for­mel­len Rah­men als auch infor­mell gesche­hen.“

Interviewgebiet, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 1.1: Inter­view­ge­biet

Bei den Inter­views soll­te beach­tet wer­den, dass es drei ver­schie­de­ne Inter­view­ge­gen­stän­de geben kann (Abbil­dung 1.2).

Interviewgegenstand, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 1.2: Inter­view­ge­gen­stand

In Abbil­dung 1.3 sind die Betei­lig­ten dar­ge­stellt. Der Inter­view­er stellt die Fra­gen, wäh­rend der Inter­view­te auf die Fra­gen ant­wor­tet. Ein “Aus­bre­chen” aus dem Sche­ma soll­te in der Regel nur erfol­gen, wenn alle (vor­be­rei­te­ten) aus dem Fra­gen­ka­ta­log des Inter­view­ers abge­ar­bei­tet sind.

Interviewbeteiligte, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 1.3: Inter­view­be­tei­lig­te

In die­sem Bei­trag wer­den Inter­views als Teil­ge­biet des Requi­re­ments Engi­nee­rings gese­hen. Daher kann der Fokus ein­ge­schränkt wer­den (Abbil­dung 1.4).

Interviews: Gesamteinordnung, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 1.4: Inter­views: Gesamt­ein­ord­nung


2. Einordnung und Einsatz

Inter­views kön­nen in vie­len Dis­zi­pli­nen ein­ge­setzt wer­den. Im Pro­jekt- und Pro­dukt­ent­wick­lungs­um­feld die­sen Sie dazu, Zie­le zu bestim­men und Anfor­de­run­gen zu ermit­teln.

Interviews im Projektmanagement und Requirements Engineering, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 2.1: Inter­views im Pro­jekt­ma­nage­ment und Requi­re­ments Engi­nee­ring

2.1 Interviews im Requirements Engineering

Inter­views wer­den im RE-Kon­text mit Sta­ke­hol­dern geführt. Dabei soll­ten vor­be­rei­te­te Fra­gen mit in das Inter­view genom­men wer­den – die­se kön­nen ggf. auch vor­ab an die Inter­view-Teil­neh­mer ver­schickt wer­den. Die Ergeb­nis­se des ein­zel­nen Inter­views wer­den pro­to­kol­liert, zusam­men­ge­fasst und spä­ter wei­ter ver­wer­tet.

Die Beteiligten bei Interviews im Unternehmenskontext, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 2.2: Die Betei­lig­ten bei Inter­views im Unter­neh­mens­kon­text

Inter­views sind kei­ne „Plau­schrun­den“, son­dern die­nen der geziel­ten Erfas­sung von Bedürf­nis­sen. Daher soll­ten Inter­views nur von erfah­re­nen Requi­re­ments Engi­neers durch­ge­führt wer­den.

Am Ende eines Inter­views soll­te der Inter­view­er dem Sta­ke­hol­der fol­gen­de drei Fra­gen stel­len /Ebert19/:

  • “Sind Sie der rich­ti­ge Ansprech­part­ner?”
  • “Wel­che ande­ren Per­so­nen soll­te ich noch befra­gen?”
  • “Haben Sie den Ein­druck, ich habe ver­ges­sen, Sie noch etwas zu fra­gen?”

Inter­views kön­nen in allen Pha­sen des REs durch­ge­führt wer­den.


3. Interviewformen

Fol­gen­de drei Inter­view­for­men sind mög­lich (Abbil­dung 3.1):

  • Stan­dar­di­siert: Die Inter­views fol­gen einem fes­ten Sche­ma und haben eine vor­ge­ge­be­ne Lis­te von Fra­gen
  • Halb-stan­dar­di­siert: Die Inter­views haben einen Rah­men für die Gestal­tung (Ablauf) und für den Inhalt
  • Nicht-stan­dar­di­siert: Es gibt kei­ne Vor­ga­ben für die Inter­views

Interviewformen, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 3.1: Inter­view­for­men

In der nach­fol­gen­den Tabel­le wer­den die drei Inter­view­for­men gegen­über­ge­stellt.

Merk­ma­leStan­dar­di­sier­tes Inter­viewHalb-stan­dar­di­sier­tes Inter­viewNicht-stan­dar­di­sier­tes Inter­view
Anzahl der Fra­genFest­ste­hendIm Kern fest­ste­hend, frei­er BereichFrei (stich­wort­ar­ti­ger Inter­view-Leit­fa­den)
Inhalt der Fra­genFest­ste­hendIm Kern fest­ste­hendWeit­ge­hend frei
For­mu­lie­rungFest­ste­hendTeils fest­ste­hend, teils freiFrei
Rei­hen­fol­geFest­ste­hendGrund­ge­rüst steht festFrei
Ant­wort­mög­lich­kei­tenFest­ste­hendMeist fest­ste­hendMeist frei
Anwen­dung / Inhal­teQuan­ti­ta­ti­ve bekann­te Dimen­sio­nen
Erhe­bung von Vor­han­de­nem
Rein ratio­na­le Ebe­ne
Quan­ti­ta­ti­ve und qua­li­ta­ti­ve, weit­ge­hend bekann­te Dimen­sio­nen
Erhe­bung von Vor­han­de­nem
Vor­wie­gend ratio­na­le Ebe­ne
Qua­li­ta­ti­ve, weit­ge­hend unbe­kann­te Dimen­sio­nen
Gewin­nung neu­er Aspek­te
Weit­ge­hend emo­tio­na­le Ebe­ne
Kreis der Befrag­tenHomo­genWeit­ge­hend homo­genHete­ro­gen
Ter­mi­no­lo­gieEin­heit­lichWeit­ge­hend ein­heit­lichUnein­heit­lich (nicht not­wen­dig)
Kennt­nis­se der Inter­view­er über …
Inter­view­tech­ni­ken
den Gegen­stand des Inter­views
Gering
Gering
Mit­tel bis hoch
Mit­tel bis hoch
Hoch
Hoch
Zusam­men­hang mit ande­ren Erhe­bungs­ver­fah­renEnt­spricht weit­ge­hend Fra­ge­bo­genEnt­spricht teil­wei­se Fra­ge­bo­genMög­li­che Vor­stu­fe zum Fra­ge­bo­gen

Tabel­le 3.1: Inter­view­for­men (Ein­tei­lung nach /Schmidt14/)

Je nach Inter­view­form ist der Auf­wand zur Vor- und Nach­be­rei­tung unter­schied­lich (Abbil­dung 3.2).

Interviewformen, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 3.2: Inter­view­for­men und Auf­wand für Inter­views


4. Die drei Phasen eines Interviews

Ein Inter­view wird gene­rell in die drei Pha­sen Vor­be­rei­tung, Durch­füh­rung und Nach­be­rei­tung unter­teilt.

Interviewformen, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2020

Abbil­dung 4.1: Die drei Pha­sen eines Inter­views

4.1 Die Vorbereitung

Zur Vor­be­rei­tung eines oder meh­re­re Inter­views muss ein The­men- oder Fra­gen­ka­ta­log erstellt wer­den.

4.2 Die Durchführung

Die Durch­füh­rung macht den Haupt­teil der Inter­views aus.

4.3 Die Nachbereitung

In der Nach­be­rei­tungs­pha­se wer­den die Ergeb­nis­se des Inter­views zusam­men­ge­fasst.


5. Stärken und Schwächen von Interviews

Auch wenn Inter­view in fast allen Kon­tex­ten ein­ge­setzt wer­den kön­nen, so soll­ten vor­ab deren Stär­ken und Schwä­chen und damit deren Gren­zen bekannt sein.

Stär­ken:

  • Inter­views kön­nen schnell ein­ge­setzt wer­den
  • Als Hilfs­mit­tel wer­den nur ein­fa­che Res­sour­cen benö­tigt

Schwä­chen:

  • Ohne Vor­be­rei­tung kön­nen die Ergeb­nis­se man­gel­haft sein
  • Es wird nur “bestehen­des” Wis­sen abge­fragt, Inno­va­tio­nen ent­ste­hen so sel­ten

A. Präsentationen, Literatur und Weblinks

Auf Inter­views wird kurz in mei­ner Prä­sen­ta­ti­on zum Requi­re­ments Engi­nee­ring ein­ge­gan­gen.

InhaltVer­si­onStandSei­tenGrö­ßeTyp
Requi­re­ments Engi­nee­ring (und Busi­ness Ana­ly­sis) – Eine Ein­füh­rung (RE-Basis­prä­sen­ta­ti­on)0.9603/20172481,3 MB pdf (pdf)

In fol­gen­den Büchern wer­den als Teil­aspekt Inter­views erläu­tert:

  • /BAPG15/ Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te: Busi­ness Ana­ly­sis For Prac­ti­tio­ners: A Prac­ti­ce Gui­de, Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te, Phil­adel­phia, Penn­syl­va­nia 2015, ISBN 978–1‑62825–069‑5
  • /BBG15/ IIBA: A Gui­de to the Busi­ness Ana­ly­sis Body of Know­ledge (BABOK Gui­de), Inter­na­tio­nal Insti­tu­te of Busi­ness Ana­ly­sis, Mari­et­ta, Geor­gia 3rd Edi­ti­on 2015, ISBN 978–1‑927584–02‑6
  • /Ebert19/ Chris­tof Ebert: Sys­te­ma­ti­sches Requi­re­ments Engi­nee­ring. Anfor­de­run­gen ermit­teln, doku­men­tie­ren, ana­ly­sie­ren und ver­wal­ten, dpunkt, Hei­del­berg 6. Auf­la­ge 2019, ISBN 978–3‑86490–562‑9
  • /Fitzpatrick13/ Rob Fitz­pa­trick: The Mom Test: How to talk to cus­to­mers & learn if your busi­ness is a good idea when ever­yo­ne is lying to you, Crea­tespace Inde­pen­dent Publi­shing Plat­form, North Charles­ton, South Caro­li­na 2013, ISBN 978–1‑4921–8074‑6
  • /Fitzpatrick16/ Rob Fitz­pa­trick: Der Mom Test: Wie Sie Kun­den rich­tig inter­view­en und her­aus­fin­den, ob Ihre Geschäfts­idee gut ist – auch wenn Sie dabei jeder anlügt, Crea­tespace Inde­pen­dent Publi­shing Plat­form, Leip­zig 2016, ISBN 978–1‑5336–9725‑7
  • /Hruschka19/ Peter Hrusch­ka: Busi­ness Ana­ly­sis und Requi­re­ments Engi­nee­ring: Pro­zes­se und Pro­duk­te nach­hal­tig ver­bes­sern, Han­ser, Mün­chen 2. Auf­la­ge 2019, ISBN 978–3‑446–45589‑4
  • /Naumann18/ Axel-Bru­no Nau­mann: Busi­ness-Ana­ly­se – Sys­te­ma­ti­sches Anfor­de­rungs­ma­nage­ment für nut­zer­ori­en­tier­te Lösun­gen, Dr. Götz Schmidt, Wet­ten­berg 2018, ISBN 978–3‑945997–11‑6
  • /Rupp14/ Chris Rupp: Requi­re­ments-Engi­nee­ring und ‑Manage­ment. Aus der Pra­xis von klas­sisch bis agil, Han­ser, Mün­chen 6. Auf­la­ge 2014, ISBN 978–3‑446–43893‑4
  • /Schmidt14/ Götz Schmidt: Orga­ni­sa­ti­on und Busi­ness Ana­ly­sis – Metho­den und Tech­ni­ken, Dr. Götz Schmidt, Wet­ten­berg 15. Auf­la­ge 2014, ISBN 978–3‑921313–93‑0

Auf fol­gen­de Web­links zu Inter­views wird hier Bezug genom­men:

Legen­de zu den Web­links
/ / Ver­weis auf eine Web­site (gene­rell)
/*/ Ver­weis auf eine Web­site, die als Buch-Ergän­zung dient
/#/ Ver­weis auf ein­zel­nes The­ma auf einer Web­site
/#V/ Ver­weis auf ein Video auf einer Web­site


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