1. Beschreibung
Werden Schätzungen der Kosten und der → Dauer (für ein Projekt) durchgeführt, so sind diese immer mit einer Unsicherheit behaftet. Genaue Schätzungen sind aufwendig (und damit teuer) und werden daher meistens erst durchgeführt, wenn das Projekt weiter konkretisiert wird. Es ergibt sich somit ein “Korridor der Unsicherheit” (englisch: Cone of Uncertainty, andere Bezeichnung auch “Unschärfetrichter”), der die Schätzgenauigkeit im Verlauf eines Projekts wiedergibt (Abbildung 1.1). Dabei werden drei Stufen durchlaufen:
- Die Abschätzung der Größenordnung: Um ein Gefühl dafür zu bekommen, in welchem Rahmen sich ein Projekt entwickeln könnte, wird eine (erste) Abschätzung vorgenommen. Häufig wird dazu eine erste Machbarkeitsuntersuchung vorgenommen und eine → Machbarkeitsstudie erstellt. Aussagen wie: “Das Projekt wird zwischen 400.000 und 800.000 Euro kosten und etwa 6 bis 12 Monate dauern” sind zulässig
- Die → Schätzung innerhalb des Budgets: Ist bei der Abschätzung der Größenordnung ein Korridor ermittelt worden, so kann in einem zweiten Schritte eine Kosten-Nutzen-Analyse vorgenommen werden. Dabei werden genauere Zahlen ermittelt. So könnte das Ergebnis heißen: Das Projekt wird zwischen 450.000 und 600.000 Euro kosten und etwa 8 bis 10 Monate dauern”
- Die definitive Schätzung wird mit der Erstellung “der Pläne” (also des Projektstrukturplans mit → Terminplan, → Kostenplan und → Ressourcenplan) durchgeführt. Erst dann kann eine genaue Aussage über Kosten und Dauer abgegeben werden — dies ist dann das festgelegte Budget und der festgelegte Terminplan zu → Projektbeginn, die sogenannte → Baseline. Abweichungen im Projektverlauf werden anschließend im → Projektcontrolling erfasst und mit Maßnahmen versehen

Abbildung 1.1: Der “Korridor der Unsicherheit” (nach /Kerzner08/)
Im Laufe eines Projekts wird zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit unterschiedlicher → Genauigkeit geschätzt. Typischerweise sollten mindestens zu folgenden drei Zeitpunkten Schätzungen vorgenommen werden:
- Vor Beginn des Projekts wird mit der Machbarkeitsstudie abgeschätzt, welcher Größenordnung (“Rough Order Magnitude – ROM”) das Gesamtprojekt zuzuordnen ist
- Bei der Ausarbeitung des Projekts wird meistens eine Kosten-Nutzen-Analyse vorgenommen, über die das Projektbudget festgelegt wird
- Erst mit → Projektstart und der Erstellung der konkreten Pläne (wie dem → Projektstrukturplan – → PSP) kommt es zur definitiven Schätzung auf Basis der → Arbeitspakete
Die nachfolgende Tabelle gibt die Größenordnung der Abweichungen in den einzelnen Schätzphasen wieder.

Abbildung 1.2: Abschätzungen der Größenordnung (nach /Kerzner08/)
Andere Darstellungen des Korridors der Unsicherheit, wie hier in Abbildung 1.3 wiedergegeben, benennen die möglichen quantitativen Abweichungen konkret: In diesen Fall wird davon ausgegangen, dass die ersten Schätzungen in einem Projekt bis zu 250 % abweichen können. Diese Schätzunsicherheit nimmt im Laufe des Projekts immer weiter ab, mit → Projektabschluss ist sie ganz verschwunden.

Abbildung 1.3: Prozentuale Abweichungen im Projektverlauf (nach /Jenny14/)
Betrachtet man die → Ziele oder Anforderungen als Grundlage für die Schätzungen, so ergibt sich folgendes Bild (für die Zielklarheit):

Abbildung 1.4: Erhöhung der Zielklarheit im Projektverlauf (nach /Schelle08/)
Die blaue Linie gibt die gewünschte Reduzierung der Schätzunsicherheit wieder, die grüne Linie den tatsächlichen Verlauf, der insbesondere durch “bewusstes Nachschätzen” entsteht.
2. Anmerkungen und Varianten
Über den “Korridor der Unsicherheit” (dieser Begriff ist nicht fest etabliert und wird daher nicht einheitlich in der Literatur verwendet) können auch andere Betrachtungen vorgenommen werden. Dabei könnten folgende Werte (meistens tabellarisch) gegenübergestellt werden – dies sind beispielsweise:
- Kleine vs. große Projekte
- Kosten der erhöhten Genauigkeit in den einzelnen → Projektphasen
- Unterschiedliche Schätzmethoden
- Erwartete und tolerierte Schätzungenauigkeit bei den einzelnen Stakeholdern
- Die Begriffe Schätzungenauigkeit und Schätzunsicherheit werden in diesem Beitrag synonym verwendet
- Branchen, insbesondere → Softwareentwicklung und Baubranche: Während in der Softwareentwicklung Abweichungen um den Faktor 2 durchaus üblich sind, werden Abweichungen von über 20 % in der Baubranche selten toleriert
3. Einsatz
Die möglichen Schätzabweichungen sollten den Schätzern (und damit den Projektverantwortlichen) immer bewusst sein. Verbesserte Schätzungen mit erhöhter Genauigkeit sind nur dann sinnvoll, wenn der → Aufwand für die Schätzung geringer ist als der Nutzen, der durch die verbesserten Schätzwerte entsteht.
Merkspruch: Verwechseln Sie nicht → Schätzen mit Planen oder Berechnen.
4. Auch zu finden in
Beschreibungen zu den Abweichungen bei Schätzungen finden sich in einigen → Präsentationen und Büchern: Hier sind nur diejenigen aufgeführt, die hier auch zitiert wurden.
4.1 Eigene Präsentation
| Inhalt | Typ |
|---|---|
| Projektmanagement: Schätzen (von Aufwänden) – Eine Übersicht | |
4.2 Literatur
- /Jenny14/ Bruno Jenny: → Projektmanagement. Das Wissen für den Profi, Vdf Hochschulverlag, Zürich 3. Auflage 2014, ISBN 978–3‑7281–3565‑0
- /Kerzner08/ Harold Kerzner: Projektmanagement – Ein systemorientierter Ansatz zur Planung und Steuerung, mitp, Bonn 2. Auflage 2008, ISBN 978–3‑8266–1666‑2
- /Schelle08/ Heinz Schelle, Roland Ottmann, Astrid Pfeiffer: → Projektmanager, → GPM, Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement, Nürnberg 3. Auflage 2008, ISBN 978–3‑9248–4126‑3
4.3 Weblinks
- /#Wiki-Cone-of-Uncertainty/ Cone of Uncertainty in der deutschen Wikipedia
- /#Wiki-Schätzung/ Aufwandsschätzung in der Softwaretechnik in der deutschen Wikipedia
Legende zu den Weblinks
/ / Verweis auf eine Website (allgemein)
/*/ Verweis auf eine Website, die als Ergänzung zu einem Buch dient
/#/ Verweis auf ein einzelnes Thema auf einer Website
/#V/ Verweis auf ein Video auf einer Website
Letzte Aktualisierung: 01.12.2014 © Peterjohann Consulting, 2005–2026

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