Das Validieren von Anforderungen Eine Haupttätigkeit im Requirements Engineering

Manage­ment-Zusam­men­fas­sung zu die­sem Bei­trag:
Das Vali­die­ren (engl. Vali­da­ting) von Anfor­de­run­gen ist eine der Haupt­tä­tig­kei­ten im → Requi­re­ments Engi­nee­ring und dient der Sicher­stel­lung der → Qua­li­tät.
In die­sem Bei­trag wird das Vali­die­ren mit sei­nen Pro­zes­sen, Werk­zeu­gen und Metho­den beschrieben.

In die­sem Bei­trag wird das Requi­re­ments Engi­nee­ring in die Berei­che Anfor­de­rungs­ent­wick­lung (Requi­re­ments Deve­lo­p­ment) und Anfor­de­rungs­ver­wal­tung (→ Requi­re­ments Manage­ment) unter­teilt, wobei die­se wie­der­um in die vier Haupt­tä­tig­kei­ten (auch Hauptaktivitäten) …

  • Ermit­teln (Eli­ci­ting),
  • Doku­men­tie­ren (Docu­men­ting),
  • Vali­die­ren (Vali­da­ting) und
  • Ver­wal­ten (Mana­ging)

unter­glie­dert wer­den kön­nen (Abbil­dung 0.1). Im Fokus die­ses Bei­trags steht das Vali­die­ren von Anforderungen.

Die Unterteilung des Requirements Engineerings - Fokus Validieren, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 0.1: Die Unter­tei­lung des Requi­re­ments Engi­nee­rings — Fokus “Vali­die­ren”

Die Pro­zess­sicht auf das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen ist in Abbil­dung 0.2 dar­ge­stellt. Das Vali­die­ren ist dem­ge­mäß die letz­te der drei Tätig­kei­ten bei der Anforderungsentwicklung.

Prozesse im Requirements Engineerings nach IREB - Fokus Validieren, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 0.2: Pro­zes­se im Requi­re­ments Engi­nee­rings nach → IREB — Fokus “Vali­die­ren”

1. Einleitung und Grundlagen

Gene­rell geht es beim Vali­die­ren dar­um, zu über­prü­fen, ob ein­zel­ne Anfor­de­run­gen “gut genug” sind, um für wei­te­re Ent­wick­lun­gen frei­ge­ge­ben wer­den zu kön­nen. Das “gut genug” muss über Qua­li­täts­kri­te­ri­en mit ent­spre­chen­den → Check­lis­ten fest­ge­legt werden.

1.1 Definitionen

Nach IREB wird die Vali­die­rung fol­gen­der­ma­ßen cha­rak­te­ri­siert /IREB21/:
“Vali­die­rung ist der Pro­zess zur Bestä­ti­gung, dass ein Ele­ment (ein Sys­tem, ein Arbeits­pro­dukt oder ein Teil davon) den Bedürf­nis­sen und Wün­schen sei­ner → Sta­ke­hol­der entspricht.”

Das IREB defi­niert das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen im Fachglos­sar /#IREB-→ Glos­sar-22/:
“Vali­die­rung — Vali­da­ti­on: The pro­cess of con­fir­ming that an item (a sys­tem, a work pro­duct or a part the­re­of) matches its sta­ke­hol­ders’ needs. Note: In RE, vali­da­ti­on is the pro­cess of con­fir­ming that the docu­men­ted requi­re­ments match their sta­ke­hol­ders’ needs; in other words: whe­ther the right requi­re­ments have been specified.”

Bei dem → IIBA wird aus­ge­führt /BBG17‑d/:
“Vali­die­rung (vali­da­ti­on): Pro­zess der Über­prü­fung, ob ein Ergeb­nis für die beab­sich­tig­te Ver­wen­dung geeig­net ist.”

1.2 Die beiden Komponenten des Validierens: Prüfen und Abstimmen

Das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen kann in die bei­den Berei­che “→ Prü­fen” und “Abstim­men” unter­teilt wer­den (Abbil­dung 1.1).

Ermitteln / Gathering nach Robertson, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 1.1: Das Vali­die­ren: Unter­tei­lung in Prü­fen und Abstimmen

Beim Prü­fen geht es dar­um, die Anfor­de­run­gen (mög­lichst) kon­sis­tent und kor­rekt zu beschrei­ben. Das Abstim­men hat das Ziel, ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis aller Sta­ke­hol­der herbeizuführen. 

1.3 Aspekte des Validierens

Das IREB benennt vier Aspek­te der Anfor­de­rungs­va­li­die­rung (Abbil­dung 1.2). Die­se soll­ten bei der Pla­nung und Durch­füh­rung der Vali­die­rung beach­tet werden:

  1. Betei­li­gung der rich­ti­gen Stakeholder
  2. Tren­nung von Feh­ler­su­che und Fehlerkorrektur
  3. Vali­die­rung aus unter­schied­li­chen Sichten
  4. Wie­der­hol­te Validierung
Die vier Aspekte der Anforderungsvalidierung, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 1.2: Die vier Aspek­te der Anfor­de­rungs­va­li­die­rung (nach IREB /IREB21/)

1.4 Qualitätsaspekte des Validierens

Beim Vali­die­ren ste­hen zudem drei Qua­li­täts­aspek­te im Vordergrund:

  1. Inhalt
  2. Doku­men­ta­ti­on
  3. Abge­stimmt­heit

Für die drei Qua­li­täts­aspek­te gibt es jeweils eige­ne Prüf­kri­te­ri­en, die wie eine Art Check­lis­te abge­ar­bei­tet wer­den kön­nen (Abbil­dung 1.3).

Die drei Qualitätsaspekte von Anforderungen nach IREB, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 1.3: Die drei Qua­li­täts­aspek­te von Anfor­de­run­gen (nach IREB /IREB21/)

1.5 Der Zeitpunkt der Validierung

Wich­tig sind der Vali­die­rungs­ge­gen­stand und der Validierungszeitpunkt:

Es wer­den in der Regel abge­schlos­se­ne Anfor­de­run­gen oder (kon­sis­ten­te) Anfor­de­rungs­bün­del / ‑spe­zi­fi­ka­ti­on über­prüft. Dazu muss zum Vali­die­rungs­zeit­punkt eine “→ Base­li­ne” gezo­gen wer­den. Bei Ver­wen­dung von Requi­re­ments-Manage­ment-Tools kommt hier ent­spre­chend das → Kon­fi­gu­ra­ti­ons­ma­nage­ment zum Einsatz.

2. Techniken zur Validierung

In Abbil­dung 2.1 sind Tech­ni­ken zur Vali­die­rung von Anfor­de­run­gen dar­ge­stellt. Gene­rell wird laut IREB /IREB21/ zwischen 

  • → Review-Tech­ni­ken
  • Explo­ra­ti­on
  • Pro­be-Ent­wick­lung

unter­schie­den.

Die Techniken zur Validierung von Anforderungen, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 2.1: Die Tech­ni­ken zur Vali­die­rung von Anfor­de­run­gen (modi­fi­ziert nach IREB /IREB21/)

Im Requi­re­ments Engi­nee­ring wer­den neben den in Abbil­dung 2.1 dar­ge­stel­len Vali­die­rungs­tech­ni­ken wei­te­re ein­ge­setzt — dies sind:

  • Per­spek­ti­ven­ba­sier­tes Lesen
  • Ein­satz von Checklisten
  • Rever­se Pre­sen­ta­ti­on /Rupp20/
  • Metri­ken /Rupp20/

Eine Zuord­nung, wel­che Vali­die­rungs­tech­nik unter wel­chen Rand­be­din­gun­gen ein­ge­setzt wer­den kann, fin­det sich bei­spiels­wei­se bei Rupp /Rupp20/ (Abbil­dung 2.2). Es wer­den dabei die Vali­die­rungs­tech­ni­ken den Rand­be­din­gun­gen gegen­über­ge­stellt und bewertet. 

Als Rand­be­din­gun­gen wer­den genannt:

  • Gerin­ge → Moti­va­ti­on der Prüfenden
  • Schlech­te zeit­li­che Ver­füg­bar­keit der Prüfenden
  • Gerin­ges Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen der Prüfenden
  • Hohe Anzahl der Prüfenden
  • Hohe → Kom­ple­xi­tät der Anforderungen
  • Hohe Kri­ti­ka­li­tät der Anforderungen
  • Gerin­ges Budget

Die­se → Lis­te der Rand­be­din­gun­gen kann noch ergänzt werden.

Die Validierungstechnik und die Einflussfaktoren, (C) Peterjohann Consulting, 2021-2022

Abbil­dung 2.2: Die Vali­die­rungs­tech­nik und die Ein­fluss­fak­to­ren (nach /Rupp20/)

3. Wer sollte was validieren?

Eine Zuord­nung, wel­che Sta­ke­hol­der / Rol­len / Per­so­nen was vali­die­ren soll­ten, fin­det sich bei­spiels­wei­se bei Rupp /Rupp14/ (Abbil­dung 3.1).

Als Sta­ke­hol­der / Rol­len kön­nen alle mög­li­chen Sta­ke­hol­der erfasst wer­den, die an der Vali­die­rung teil­neh­men könn­ten. Dies sind beispielsweise:

Die Anzahl der Sta­ke­hol­der / Rol­len ist in der Pra­xis nicht grö­ßer als 15.

Die validierenden Stakeholder und die Validierungskriterien, (C) Peterjohann Consulting, 2018-2022

Abbil­dung 3.1: Die vali­die­ren­den Sta­ke­hol­der und die Vali­die­rungs­kri­te­ri­en (nach /Rupp14/)

Als Kri­te­ri­en kön­nen betrach­tet werden:

  1. Fach­li­che Richtigkeit
  2. Auf­trag des Pro­jekts / Not­wen­dig­keit / recht­li­che Verbindlichkeit
  3. Voll­stän­dig­keit
  4. Ver­ständ­lich­keit, gute Struktur
  5. Ein­deu­tig­keit, Wider­spruchs­frei­heit und Konsistenz
  6. → Tracea­bi­li­ty / Nachvollziehbarkeit
  7. Rea­li­sier­bar­keit
  8. Test­bar­keit
  9. Kri­ti­ka­li­tät

4. Häufige Fragen und Antworten zum Validieren von Anforderungen

Eini­ge Fra­gen zum Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen wer­den häu­fig gestellt – die­se wer­den hier wie­der­ge­ge­ben und beantwortet.

  • F: Muss der → Requi­re­ments Engi­neer eine spe­zi­fi­sche Aus­bil­dung für das Vali­die­ren haben?
    A: Ja und nein. Das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen dient der Qua­li­täts­er­hö­hung und ‑siche­rung. Daher soll­te der Requi­re­ments Engi­neer ein Qua­li­täts­be­wusst­sein und eine ent­spre­chen­de Aus­bil­dung und Erfah­rung mitbringen. 
  • F: Wie groß ist typi­scher­wei­se der → Auf­wand zum Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen in einem → Vor­ha­ben?
    A: Da man auf das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen “ver­zich­ten kann” (indem man es nicht durch­führt), ist in die­sem Fall kein Auf­wand vor­han­den. Aller­dings ent­ste­hen dann im Nach­hin­ein Kos­ten, die von irgend­wem getra­gen wer­den müs­sen. Daher wür­de ich als “gro­be Richt­schnur” etwa 10 bis 20 % des Gesamt­auf­wands für ein RE-Vor­ha­ben für das Vali­die­ren ein­kal­ku­lie­ren, um so qua­li­ta­tiv gute Anfor­de­run­gen zu erhalten.

Haben Sie noch wei­te­re Fra­gen oder möch­ten Sie Ergän­zun­gen an der FAQ vor­neh­men? Am bes­ten schrei­ben Sie mir hier­zu eine E‑Mail an: kontakt@peterjohann-consulting.de.

A. Präsentationen, Literatur und Weblinks

A.1 Meine öffentliche Präsentation zum Validieren von Anforderungen

Das Vali­die­ren von Anfor­de­run­gen wird in der Prä­sen­ta­ti­on zum Requi­re­ments Engi­nee­ring beschrieben.

Inhalt Typ
Requi­re­ments Engi­nee­ring (und Busi­ness Ana­ly­sis) – Eine Ein­füh­rung (RE-Basis­prä­sen­ta­ti­on)

pdf

A.2 Literatur

  1. /BBG15/ IIBA: A Gui­de to the Busi­ness Ana­ly­sis Body of Know­ledge (BABOK Gui­de), Inter­na­tio­nal Insti­tu­te of Busi­ness Ana­ly­sis, Mari­et­ta, Geor­gia 3rd Edi­ti­on 2015, ISBN 978–1‑927584–02‑6
  2. /BBG17‑d/ IIBA: BABOK v3: Leit­fa­den zur Busi­ness-Ana­ly­se BABOK Gui­de 3.0, Dr. Götz Schmidt, Wet­ten­berg 2017, ISBN 978–3‑945997–03‑1
  3. /Ebert19/ Chris­tof Ebert: Sys­te­ma­ti­sches Requi­re­ments Engi­nee­ring. Anfor­de­run­gen ermit­teln, doku­men­tie­ren, ana­ly­sie­ren und ver­wal­ten, dpunkt, Hei­del­berg 6. Auf­la­ge 2019, ISBN 978–3‑86490–562‑9
  4. /Ebert22/ Chris­tof Ebert: Sys­te­ma­ti­sches Requi­re­ments Engi­nee­ring. Anfor­de­run­gen ermit­teln, doku­men­tie­ren, ana­ly­sie­ren und ver­wal­ten, dpunkt, Hei­del­berg 7. Auf­la­ge 2022, ISBN 978–3‑86490–919‑1
  5. /Hruschka19/ Peter Hrusch­ka: Busi­ness Ana­ly­sis und Requi­re­ments Engi­nee­ring: Pro­zes­se und Pro­duk­te nach­hal­tig ver­bes­sern, Han­ser, Mün­chen 2. Auf­la­ge 2019, ISBN 978–3‑446–45589‑4
  6. /Naumann18/ Axel-Bru­no Nau­mann: Busi­ness-Ana­ly­se – Sys­te­ma­ti­sches Anfor­de­rungs­ma­nage­ment für nut­zer­ori­en­tier­te Lösun­gen, Dr. Götz Schmidt, Wet­ten­berg 2018, ISBN 978–3‑945997–11‑6
  7. /IREB21/ sie­he /Pohl21/
  8. /PMG-BA17/ Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te: The → PMI Gui­de to Busi­ness Ana­ly­sis, Pro­ject Manage­ment Insti­tu­te, Phil­adel­phia, Penn­syl­va­nia 2017, ISBN 978–1‑62825–198‑2
  9. /Pohl21/ auch /IREB21/ Klaus Pohl, Chris Rupp: Basis­wis­sen Requi­re­ments Engi­nee­ring: Aus- und Wei­ter­bil­dung nach IREB-Stan­dard zum Cer­ti­fied Pro­fes­sio­nal for Requi­re­ments Engi­nee­ring Foun­da­ti­on Level, dpunkt, Hei­del­berg 5. Auf­la­ge 2021, ISBN 978–3‑86490–814‑9
  10. /Robertson12/ Suzan­ne Robert­son, James Robert­son: Mas­te­ring the Requi­re­ments Pro­cess, Addi­son-Wes­ley Pro­fes­sio­nal, Bos­ton, Mas­sa­chu­setts 3rd Edi­ti­on 2012, ISBN 978–0‑321–81574‑3
  11. /Rupp14/ Chris Rupp: Requi­re­ments-Engi­nee­ring und ‑Manage­ment. Aus der Pra­xis von klas­sisch bis agil, Han­ser, Mün­chen 6. Auf­la­ge 2014, ISBN 978–3‑446–43893‑4
  12. /Rupp20/ Chris Rupp: Requi­re­ments-Engi­nee­ring und ‑Manage­ment. Das Hand­buch für Anfor­de­run­gen in jeder Situa­ti­on, Han­ser, Mün­chen 7. Auf­la­ge 2020, ISBN 978–3‑446–45587‑0
  13. /Wiegers13/ Karl E. Wie­gers, Joy Beat­ty: Soft­ware Requi­re­ments, Micro­soft Press, Red­mond, Washing­ton 3rd Edi­ti­on 2013, ISBN 978–0‑7356–7966‑5

Legen­de zu den Weblinks
/ / Ver­weis auf eine Web­site (gene­rell)
/*/ Ver­weis auf eine Web­site, die als Buch-Ergän­zung dient
/#/ Ver­weis auf ein­zel­nes The­ma auf einer Website
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